- BMW R1100 S Boxer Team
- Tryphonos RF900
- Ducati 996 Biposto
Es gibt Menschen, die sind nie zufrieden. Haben an allem etwas auszusetzen. Zu klein, zu schlapp, zu langsam, alles falsch. Magengeschwüre aus Leidenschaft, immer nah
dran, aber nie auf der Ziellinie, am besten gleich aus Prinzip. Eine Unruhe, die oft unverstanden bleibt, wenngleich die Allgemeinheit sehr wohl von ihr profitiert. Denn was wäre
der Fortschritt ohne den Drang nach Verbesserung? Nehmen wir das Beispiel der hydraulisch gedämpften Telegabel: Ein Konzept, das Führung, Lenkung, Federung
und Dämpfung des Vorderrads vereinigt und millionenfach gut funktioniert. Dennoch gibt es Zweifler, die lautstark die bauliche Trennung dieser Aufgaben fordern und hierin allerlei Vorteile sehen. Diesbezügliche Versuche rumoren seit Jahrzehnten in TechnikerKöpfen (siehe Kasten Seite 63). Bislang allerdings blieb die praktische Umsetzung den Überlegenheitsbeweis gegenüber einer hochentwickelten Telegabel schuldig. Dies könnte sich ändern.
Ganz aktuell begehrt die bildschöne Tryphonos 900 (sprich: Treifonos) auf, die mit aufwendiger Konstruktion die Radnabenlenkung (Funktionsskizze siehe linke Seite) salonfähig machen will. BMW propagiert schon seit 1993 den Telelever, der das Vorderrad zwar in einer Telegabel führt, diese aber bei den Zwei- und Vierzylindern via Längslenker an der unteren Gabelbrücke abstützt. Stellvertretend hier: die wohl höchstentwickelte Variante in der supersportlichen R 1100 S des Boxer-Teams.
Für die Ehre der Telegabel tritt die Ducati 996 Biposto an. Ihre Upside-down-Gabel von
Showa repräsentiert den Stand der Technik und somit den Gipfelpunkt einer langen Entwicklung. Drei nette Kandidatinnen also. Damit der Spaß nicht zu kurz kommt, führt MOTORRAD das Terzett - auf vergleichbaren Reifen - zunächst auf eine derbe Holperpiste und anschließend über den anspruchsvollen Rundkurs zu Calafat. Da wie dort wird das Auf und Nieder an der Fahrzeugfront per Data-Recording aufgezeichnet (siehe Kasten Seite 62).
Erstes Objekt der Wißbegierde: das Federungsverhalten beim Bremsen und unter Kompression in Schräglage. Die Ducati macht schnell klar, daß auch eine straff gefederte Telegabel unter Einfluß der dynamischen Radlastverlagerung beim starken Bremsen ihren Federweg aufbraucht (Bremsnicken). Die Gabel geht schlimmstenfalls auf Block, der Reifen muß kräftig mitfedern, das Rad springt, weshalb die 996 den längsten Bremsweg im Vergleich benötigt. Größere Progression
durch ein kleineres Luftpolster (mehr Gabelöl) kann helfen, verhärtet die Gabel aber gegen Ende des Federwegs. Positiv: Die eingetauchte Front erleichtert das Einlenken durch handlichere Geometrie (Nachlauf kürzer, Lenkkopfwinkel größer). Ist die Bremse einmal gelöst, durcheilt die Duc die Kurve tadellos, wobei für eine einwandfreie Funktion eine üppig dimensionierte Gabel notwendig ist.
Die massige Konstruktion birgt aber auch Nachteile. Trotz Lenkungsdämpfer schlägt die 996 nämlich auf der Holperstraße - sei es geradeaus oder beim Herausbeschleunigen aus Kurven - kräftig mit dem Lenker. Woran's liegt? Die großen ungefederten Massen (fast 23 Kilogramm) erschweren im Verein mit der hohen, von großen Lager- und Dichtflächen zwischen Tauchund Standrohr verursachten Losbrechkraft den stetigen Bodenkontakt des Vorderrads. Häufiger als gewünscht befindet sich dieses auf Luftfahrt, der Fahrer steuert unfreiwillig Lenkimpulse bei, das Rad titscht ausgelenkt auf: Zack - schlägt der Lenker. Das große Trägheitsmoment der massigen Telegabel um die Lenkachse verstärkt diesen Effekt noch spürbar.
Auch die Tryphonos könnte am Kurvenende einen Lenkungsdämpfer gebrauchen. Ihr viel geringeres Trägheitsmoment um die Lenkachse macht die Kräfte beim Kickback aber leichter beherrschbar. Bremsnicken gleicht das System effizient aus, das Federungsverhalten ist überhaupt vorbildlich: Stets großer Restfederweg bei härtesten Bremsungen (bei vergleichbarer Bereifung die größten Bremsverzögerungen des Trios), leichte Vergrößerung des Positiv-Federwegs nach Lösen der Bremse unter Kompression in Schräglage, das Vorderrad klebt, unabhängig vom Zustand des Asphalts, am Boden. Geometrisch sind die Drehpunkte und Längen von Schwinge, Längslenker und Momentabstützung des Radträgers so geschickt ge-wählt, daß Nachlauf und Lenkkopfwinkel (statisch radikale 89 Millimeter bei 74 Grad) beinahe über den gesamten Federweg konstant bleiben und nur auf den letzten Millimetern ein wenig länger beziehungsweise kleiner werden. Den Nachteil relativ großer ungefederter Massen (ungefähr
20 Kilogramm) machen die Feinfühligkeit des direkt angelenkten Federbeins, die geometrische Neutralität und die torsionssteife Schwinge wett. Unter allen anwesenden MOTORRADTestern herrscht Einigkeit: Das vermittelte Gefühl fürs Vorderrad sucht seinesgleichen. Respekt.
Die Vorteile des Systems nützen dem Fahrverhalten insgesamt: Trotz supersportlicher Lenkgeometrie zeigt die Engländerin nicht die leiseste Instabilität bei Highspeed. Auch münzt sie ihre riesige, durch kompakte Bauweise gewonnene Schräglagenfreiheit - theoretisch bei voller Einfederung 57 Grad - in die größten Kurvengeschwindigkeiten um.
Und wie schlägt sich die BMW? Die Gabel ihres Telelevers muß dank Längslenkerabstützung vergleichsweise geringe Biegemomente erleiden. So genügen 35 Millimeter dünne Standrohre, was sich in sehr sensiblem Ansprechverhalten auszahlt. Auch sorgen die geringsten ungefederten Massen (nur 14 Kilogramm) für hervorragenden Bodenkontakt auf welliger Fahrbahn. Beim Bremsen taucht die Front geometrisch bedingt im Vergleich zur Telegabel nur geringfügig ein: Der Telelever schiebt beim Einfedern das Vorderrad relativ zum Motorrad leicht nach vorn (Nachlau! und Lenkkopfwinkel länger respektive geringer) und stütz,. sich gegen den Rest des Motorrads ab. Ergebnis: ein guter Bremsnickausgleich der das Federungsvermöger auch bei größten Verzögerungen aufrechterhält. Das deutliche Sicherheitsplus gegenüber der Telegabel, bei der die Radlast beim Durchschlagen auf Bodenwellen zusätzlich ansteigt zahlt sich in einem kürzeren Bremsweg aus. Beim Hineinbremsen in Kurven allerdings zeigt sich dann ein Nachteil, der besonders mit den weit herausragender Boxerzylindern greift: Nach Lösen der Bremse entfällt der Nickausgleich, und die Fuhre federt in Schräglage durch die Zentrifugalkräfte ein, setzt schlimmstenfalls noch vor dem Scheitelpunkt mit den unnachgiebigen Zylindern auf. So ist der Rennboxer trotz längerer Federbeine und kürzerer Zylinder in seiner Kurvengeschwindigkeit limitiert. Übrigens schlägt auch er mit dem Lenker. Das Gefühl fürs Vorderrad ist indes ebenso untadelig wie die Neutralität in Schräglage.
Soweit also reichlich Punkte für die alternativen Radführungen, allen voran für den Newcomer aus London. Der hat aber auch Eigenarten. Während bei der Telegabel Lenker und Rad um eine gemeinsame Achse schwenken, funktioniert das bei der Tryphonos zwar ebenfalls direkt übersetzt, aber in völlig ungewohnter, zunächst verwirrender Manier. Die Drehebene am Lenker ist nämlich beinahe horizontal, während die Lenkachse des Rads geneigt ist. Zudem beschreibt der Lenker wegen des großen Versatzes zur Drehachse keine Dreh-, sondern eine Schwenkbewegung. Auch Rangieren fällt wegen des begrenzten Lenkanschlags viel schwerer als mit Duc oder BMW. Beim Kurvenfahren spielt das aber keine Rolle, hier werden selten größere Lenkwinkel als etwa fünf Grad gebraucht. Im Fahrbetrieb wird übrigens nicht wie gewohnt durch Druck, sondern durch dosiertes Führen des Lenkers gelenkt. Die Eigenarten dieser Vorderradführung gehen aber nach kurzer Eingewöhnung in Fleisch und Blut über. Und während bisher bekannte Radnabenlenkungen unter dem EinfluB • der großen Lagerreibung in den aufwendigen Lenkgestän-gen beim Langsamfahren für Schlangenlinien sorgten. tritt dieses Phänomen bei der mi-nimalistischen Tryphonos nu, in ganz leichter, nicht störender Form auf.
Bleibt die konzeptionelle Seite. Alle drei Probanden sind Sportler und somit an der Untergrenze des Machbarer auf Leichtbau, Aerodynamik und kompromißlose Funktion getrimmt. Das Ducati-Layout kämpft dabei mit systembedingten Einschränkungen Zunächst macht die Gabel, die beim Bremsen als langer Hebel gewaltige Momente auf den Lenkkopfbereich ausübt eine aufwendige, steife Rahmenstruktur notwendig, in die in der Regel das Triebwerk als stabilisierendes Bauteil integriert ist. Der Lenkkopf und die Gabel samt Gabelbrücken beanspruchen wichtigen Raum in dem Bereich der Verkleidung, der Scheinwerfer und Lufteinlässe aufnimmt. Vorn müssen Motor und Kühler dem nach hinten und oben einfedernden Vorderrad genügend Raum für Bewegungen lassen.
Viel einfacher hat es da die Tryphonos. Wegen der geradlinigen Einleitung von Brems- und Antriebskräften kann der Rahmen eine steife, kurze Brücke unter dem Motor zwischen den Schwingenachsen schlagen. Zur Abstützung der Kräfte am Lenker genügt ein zierlicher Hilfsrahmen. Die Sitzposition kann recht frei bestimmt werden, ebenso die Positionierung von Anbauteilen wie den Krümmern oder dem Kühler, auch das Motorkonzept ist variabel wählbar. Trotz des wesentlich breiter bauenden Suzuki RF 900Motors bietet die Tryphonos einen ähnlich schmalen Knieschluß wie die Duc -
schließlich schlingt sich kein Rahmen um die Zylinderbank Da der gesamte Hinterbau der Tryphonos geometrisch die Suzuki GSX-R 750 kopiert. könnte das Motorrad bei Verwendung der gleichen Vorderradaufhängung und eines kürzeren Motors sogar noch kompakter bauen. Sehr problematisch ist der geringe Lenkwinkel, der zwar durch eine seitlich ausbuchtende Bananenschwinge vergrößert werden könnte, aber Wohl nicht an den einer Telegabel herankommen wird.
Der Telelever der BMW tut sich aus anderen Gründen schwer. Er beansprucht den wichtigen Platz zwischen Vorderrad und Motor, den gewöhnlich der Kühler einnimmt. Bei bestimmten Triebwerkskonfigurationen, wie zum Beispiel einem quer eingebauten Reihenvierzylinder beansprucht die Anbindung an den Motor oder einen Hilfsrahmen Baubreite, die Stirnfläche des Motorrads nimmt zu. So gesehen werden dem Telelever bei allem Potential supersportliche Lorbeeren vorenthalten bleiben, eigentlich schade angesichts der tollen Performance des Testmotorrads.
Unterm Strich? Eine kleine Sensation: Die radnabengelenkte Tryphonos 900 dominiert ihre Konkurrentinnen auf der Rennstrecke, überzeugt auf der Holperstraße, muß allerdings Schwächen im Alltagsbetrieb zugeben. Auch der Telelever-Vorbau der BMW überzeugt, findet aber Grenzen im Gesamtkonzept. Die gute, alte Telegabel muß Nachteile eingestehen, kann aber immer noch viel. Bei der Tatsache, daß die Alternativen prinzipiell noch in den Kinderschuhen stecken, steht ihnen die Zukunft offen. Der Unzufriedenheit sei Dank.
Wss wirklich passiert: PI-Data-Recording
Was wäre eine bessere AnalyseGrundlage als der minutiöse Aufschrieb dessen, was wirklich passiert? Die Techniker der Firma Krontec {Telefon 09401/703344} erfaßten mittels PI-Data-Recording - das neben aktuellster Meßtechnik den Vorteil kopierbarer Software bietet - bei den Tests unter anderem die Federbewegungen am Vorderrad und die Fahrgeschwindigkeit (siehe rechts). Alle drei Motorräder erreichten am Ende der Geraden annähernd gleiche Geschwindigkeiten, sind also leistungsmäßig etwa vergleichbar. Zudem ermittelte das System Rundenzeiten, die der rennerfahrene MOTORRAD-Tester Markus Barth in
der Reihenfolge BMW-DucatiTryphonos bei immer schlechteren. Bedingungen auf der Rennstrecke in Calafat herausfuhr. Ergebnis: BMW 1:36,00 min; Ducati knackige 1:35,15; Tryphonos (Leichteste, als einzige bei Sturm gefahren und mangels härterer Feder vorn nicht optimal abgestimmt) 1:34,30. Eine unter diesen Bedingungen fast unglaubliche Zeit (siehe rechts).
Das Beispieldiagramm beschreibt Anbremsen und Durchfahren der berüchtigten „Scheißhauskurve" (Kurven leicht versetzt). Deutlich sichtbar bockt die Ducati-Gabel am hydraulischen Endanschlag. während BMW und Tryphonos zwar einnicken, aber noch reichlich Restfederweg bieten. Beim Lösen der Bremse im Scheitelpunkt federt die Tryphonos wieder leicht aus, die BMW sackt noch etwas ein. Auch interessant: Die Ducati-Geschwindigkeitskurve zeigt beim Bremsen die geringste Neigung, was die niedrigste Bremsverzögerung verrät.
Die Alternativen ain langer Weg
Eigentlich ist die Zeit der Telegabel längst abgelaufen. Ein Bauteil, das Radführung, -federung und -lenkung gleichzeitig übernimmt, kann zwangsläufig nur aus einer Anhäufung von unbefriedigenden Kompromissen bestehen. Doch die Praxis beweist das Gegenteil. Trotz enormer Standrohrdurchmesser von bis zu 50 Millimetern und ellenlangen Federwegen trimmten die Konstrukteure ihre aktuellen Bauteile so zurecht, daß sie selbst im Rennsport bislang keine Konkurrenz fürchten müssen. Feinarbeit an der Dämpfung und eine trotz der gewachsenen Durchmesser reduzierte Reibung lösten die markantesten Probleme weitgehendst.
Daß ausgerechnet anerkannte Fahrwerks-Spezialisten, die bisweilen sogar ihr Geld mit der Vermarktung und Produktion der Telegabel verdienten, die Experimente mit alternativen Radführungen beschleunigten, hat natürlich seinen Grund. Sie alle suchten nach einer hochsensiblen Federung, die selbst unter extremster Belastung feinfühlig, aber ohne Verwindung und mit geringster Reibung Stöße und Wellen absorbiert.
Mit beneidenswerter Zähigkeit laborierte das französischen Elf-E-Team jahrelang in unterschiedlichsten Varianten an einer Alternative zur Telegabel, heimste mit einigen Achtungserfolgen in der 500er GP-Klasse mit Ron „Rocket" Haslam auch genügend Publicity ein, doch der Durchbruch blieb aus, das Projekt wanderte ins Museum und die Patentrechte nach Japan zu Honda. Bislang jedoch ohne Konsequenz.
Nico Bakker, Rahmenkonstrukteur mit WM-Lorbeeren, pflanzte 1987 einen Honda VF 750-Motor in sein QCS-(Quick-Change-System-) Achsschenkel-Chassis. Eine Idee, die bei Yamaha nicht unbeachtet blieb. Ein Jahr später startete ein von Fahrwerks-Guru Benny Wilbers, MOTORRAD-Redakteur Werner Koch und Yamaha-Manager Hennes Fischer initiiertes 125er Projekt mit VHAchsschenkellenkung, das die GP-Szene aufmischen sollte. Testfahrer Ralf Waldmann zeigte sich zwar begeistert von der Federfunktion, bemängelte jedoch Leistungsprobleme, und so verschwand auch dieses Experiment von der Bildfläche. Oder doch nicht? 1992 rollte bei Yamaha mit der GTS 1000 das erste Großserienmotorrad mit Achsschenkellenkung vom Band. Nicht ganz ausgereift und bei der Wahl der Reifendimension ziemlich verwachst, verkümmerte die innovative GTS 1000 leider zum Flop.
Pierluigi Marconi, bis 1998 Chefkonstrukteur bei Bimota, setzte auf die Nabenlenkung seiner extravagant verschalten Tesi 1 D mit Ducati-Motor. Im Übereifer hatten die Italiener unglücklicherweise einige gravierende Mängel in das revolutionäre System hineinkonstruiert, die zum Teil erhebliche Stabilitätsprobleme verursachten. Das Konzept wurde aus dem Programm verbannt, statt dessen lenken und federn die jüngsten Kreationen von Bimota wieder mit Telegabel.
Auch bei der britischen Tryphonos gibt es noch Kinderkrankheiten, doch stellen die tadellose Grundfunktion und die hervorragende, für den Fahrer so wichtige Rückmeldung des Federsystems einen echten Fortschritt in Sachen Fahrbarkeit und Sicherheit dar. Jetzt kommt es darauf an, die Unzulänglichkeiten auszumerzen, ohne die bestehenden Qualitäten in Frage zu stellen. Zugegeben, keine leichte Aufgabe - aber eine Aufgabe, mit deren Lösung der Knoten platzen könnte. |